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Ökologische Ökonomie: Everybody's-Darling-Economics I

Wohlfeilheit grundstürzender Forderungen - Zufriedenheit mit dem Null-Wachstum

Mit dem Begriff der steady-state economics liegt eine gewisse Bündelung der verstreuten hauptsächlich ethisch-moralisch begründeten wachstumskritischen Vorstellungen einer Volkswirtschaft vor. Sie kristallisieren sich um die der theoretischen Physik entlehnte neue sachliche Rechtfertigung eines zu fordernden Null-Wachstums: die notwendige Vermeidung eines Entropiewachstums wegen der Nutzung von Bodenschätzen. Als einflussreicher Adept Georgescu-Roegens in dieser Entwicklung ist Herman Daly zu nennen, der bei allem Verzicht auf weiter- oder tiefergehende Fundierung der Veröffentlichungen Georgescu-Roegens doch nennenswerte Gefolgschaft in der Propagierung des Bildes einer friedlich dahinfließenden Kreislaufwirtschaft mit nur vernachlässigbaren Ungleichgewichten versammeln konnte. Diese Zielvorstellung für die Ökonomie als einem Subsystem (als solches ein „geschlossenes“ System) des Systems „Sonnensystem“ (als einem „isolierten“ System) ergibt sich schlicht aus der behaupteten Tatsache, dass eine weitere Entnahme der Ökonomie von „guter“ Energie und Materie aus dem Sonnensystem gegen Rückgabe „schlechter“ Energie und Materie an das Sonnensystem nicht mehr tragbar sei[1]; man sieht, die Sorglosigkeit im Umgang mit den Modellvoraussetzungen hat sich vom Meister auf den Schüler übertragen. Den insoweit abgesteckten Bereich der Wunschvorstellungen für steady-stae economics bezeichnet Daly als „pre-analytic vision“[2]. Es wäre also noch ein Bereich der „Analysis“ mit Inhalt zu füllen. Dazu bestehen bislang nur unklare Vorstellungen über noch zu klärende Fragen: „There is such a thing as a maximum scale of the economic subsystem – a point beyond which the total system colapses under the demands of this too large subsystem“ – es folgen Begründungen für das Innehalten aus der Schätzung des Allem und Jedem beizulegenden Wertes „an sich“ („intrinsic value“), aus der Besinnung auf die wahren Armuts- und Reichtumsmaße und, nicht zuleltzt, aus der Notwendigkeit von Geburtenkontrolle u.s.w.

Was gibt diesen Forderungen Maß und Ziel – ist damit auch nur im Entferstesten eine präskriptive ökonomische Theorie zu entwickeln? Wir erinnern an die Bemerkung von Engels, dass, wer sich mit seinen Zielen derart außerhalb ökonomischer Vorteilmaßstäbe bewegen wolle, doch tunlichst sich voll der außerhalb liegenden Wissenschaft verschreiben sollte (s. S. 6). In diesem Zusammenhang wäre das irgendeine Art ethischer Lebensführungswissenschaft.

Verhaltensmaßregeln für Einzelwirtschaften oder Volkswirtschaften an dem Begriff Entropie zu orientieren, verbietet sich schon aus wissenschaftstheoretischen Gründen, denn die „Ökonomen“, die ihn für ihre Zwecke bemühen, habe ihn seines für andere Erklärungsziele gegebenen Inhalts völlig entleert und verhunzt. Im Sinne von Güter-Wahlentscheidungen für Konsum oder Produktion oder von Vorziehen oder Aufschieben von Ressourcenverwendungen versagt diese „Richtschnur“ völlig. Es gibt keinen Vorteilhaftigkeitskalkül, der eine Entscheidung über die Nichtausbeute „guter Entropie“ zu Gunsten der späteren Ausbeute durch Nachfolgegenerationen erlaubt. Die wären vielleicht froh, bei ihrem Eintritt in die Gesellschaft ein ausreichendes Maß an bezahlbarem Wohnraum in Innenstädten oder an Bildungsinfrastruktur vorzufinden, auch wenn diese aus Stahlkonstruktionen besteht. Sich auf ein Urteil über die künftigen Bedürfnisse anderer Menschen festlegen zu wollen ist nicht weniger arrogant und anmaßend als diese Entscheidung den heute als vorherrschend erkannten Bedürfnissen zu unterwerfen.

Diese Mängel der Hervorbringungen der Glaubensgemeinschaft haben eine maßgebliche Ursache: Das unvermittelte Fortschreiten von der preanalytical phase zur post-analytical phase ohne Zwischenschaltung einer analytical phase. Daly kommt umstandslos zu einem Katalog von Forderungen, die man innerhalb einer präskriptiven Theorie als Handlungsempfehlungen bezichnen würde, wenn sie sich denn nach deren Regeln aus einer vorab geäußerten Zielvorstelung entsprechend der Zielrealisierungen durch die gegebenen Handlungsmöglichkeiten ergeben hätten[3]: „Ten specific policy proposals for … an economy that maintains a constant metabolic flow of resources from depletion to pollution: a throughput that is within the assimilative and regenerative capacities of the ecosystem“.

  1. Cap-Auction-Trade Systems for Basic Resources
  2. Ecological Tax Reform
  3. Limit the Range of Inequality in Income Distribution
  4. Free Up the Length of the Working Day, Week, and Year
  5. Re-Regulate International Commerce
  6. Downgrade the IMF/WB/WTO
  7. Move Away from Fractional Reserve Banking Toward a System of 100% Reserve Requirements
  8. Stop Treating the Scarce As If It Were Non-Scarce, but Also Stop Treating the Non-Scarce As If It Were Scarce
  9. Stabilize Population
  10. Reform National Accounts

Mit viel gutem Willen lässt sich sagen: Dieser Forderungskatalog zeigt zunächst, dass es bei Dalys steady-state economics nicht um das Setzen von Rahmenbedingungen zur Beeinflussung von Einzelwirtschaftsplänen geht, sondern um das aktive Eingreifen in die Prozesse einer Gesamtwirtschaft durch rechtliche und faktische Maßnahmen bis zur Einkommens- und Vermögensumverteilung, sogar bis zur Geburtenkontrolle. Im Vergleich zur Methodengebundenheit der ökonomischen Neoklassiker sieht es allerdings eher nach loser Schüttung angeflogener Gedanken aus. Völlig unersichtlich ist, wie diese einzelnen Forderungen im Hinblick auf eine etwa mithilfe ihrer zu erreichenden Entropieveränderung voneinander abzugrenzen oder miteinander zu kombinieren wären. Die Forderungen im einzelnen zu erläutern erübrigt sich daher (Forderung 8. z. B. ist bestenfalls Brechtsches Theater), und Forderung 7. würde sie erfüllt, legte alleine schon das heutige Wirtschaftssystem völlig lahm. Es wird gelegentlich die Nähe des Daly-Konzepts zur steady-state economy, wie sie der Klassiker John Stewart Mill beschrieben hatte (s. o. S. 433 f.), betont. Zwischen beiden Ansätzen besteht jedoch der Unterschied, dass Mill die stationäre Volkswirtschaft als den Endzustand einer bis dahin im Dienste ihrer aktuellen Teilnehmer wachsenden Wirtschaft gesehen hat. Unklar ist, ob Daly seinen Forderungskatalog mit den Nachhaltigkeitszielen der UN von 2015 insoweit abgestimmt hat dass die Erfüllung seiner Forderungen die 17 Nachhaltigkeitsziele der UN sicherstellt (s. u. S. 444). Nichts ist so schlampig gemacht, dass es bei aller Unqualifiziertheit den Anspruchsvolleren nicht noch als abschreckendes Beispiel dienen könnte. Die Anspruchsloseren halten es leider für ein Ideal und nehmen jede Gelegenheit wahr (bzw. schaffen sich diese - wozu die UN--Vollversammlung ihre Hand reicht), um ihre Gefolgschaft zu beweisen.

Bei der dogmengeschichtlichen Einordnung von Daly´s steady-state economics stellt Pirgmaier allerdings noch einen zu großen Ballast neoklassisch fundierter Aussagen fest, was das System korrumpiere[4], denn „ecological economics has to let go of neoclassical foundations as they contradict its core values and ambitions“.  Die Position Pirgmaiers ist dabei die einer fanatisch religiösen Fundamentalistin, wie folgende Beispiele zeigen: Zum Wirtschaftlichkeitsprinzip stellt Daly, veranlasst durch eine Kritik von Okun[5] fest, dass dieses im Pareto-Gleichgewicht eine Rolle spiele, jedoch aus dem Wirtschaftlichkeitsprinzip keineswegs die Notwendigkeit des „Mehr ist besser“ folge, sondern lediglich des „Weniger Mitteleinsatz für das gleiche Ergebnis“ folge, was ja „Weniger ist besser“ bedeute. Okuns Anwurf und Dalys Entgegnung belegen beiderseitiges Missverstehen: Die Formulierung des Pareto-Optimums kommt tatsächlich und logisch ohne eine Extremierungs-Hypothese aus (gleichviel, ob Maximierungs- oder Minimierungsvorschrift). Sollte Daly seinen Zielkatalog für ein Nullwachstum tatsächlich auf Erkenntnisse aus der Pareto-Gleichgewichtsanalyse stützen können (was u. E. keineswegs belegt ist), so wäre die Aussage, es spiele „eine Rolle“ nicht von der Hand zu weisen. In diesem Falle wäre aber die These, trotz der Gültigkeit des Wirtschaftlichkeitsprinzips könne auf den „Maximierungs“-Teil dieser Rationalitätsbedingung verzichtet werden, reiner Unsinn und nur dem Wunschdenken geschuldet. Welche der zwei Problemstrukturen des Wirtschaftlichkeits-prinzips zu einer Lösung des Problems führt hängt vom gestellten Problem ab und nicht davon, dass der gute Mensch minimiere und der böse Mensch maximiere. Jeder zivilrechtliche Vertrag und jede öffentlich-rechtliche Anordnung, die auf eine definierte Leistung gerichtet ist, stellt den Verpflichteten vor ein Minimierungsproblem (ausgenommen die Leistungen, die sich auf einen Nennwert, z. B. reine Geldleistungen, beziehen) bezüglich seines Mitteleinsatzes, unabhängig davon, ob er ein guter oder ein schlechter Mensch ist. Seit Alters her weiß der Zehntpflichtige um den Ernteertrag seiner zwei Äcker, für dessen Maximierung ihm die Handhaben fehlen, der hängt vom Wetter ab. Hingegen ist der Einsatz seiner Tagelöhner auf seinen beiden Äckern ein Handlungsparameter. Und da ein „überflüssiger“ Tagelöhner auf einem Acker nicht zu „Überfluss“ führt, er dagegen auf dem zweiten Acker fehlt, um den erwarteten Ernteertrag zu erwirtschaften, hat der Zehntpflichtige ein Minimierungsproblem in Bezug auf den Einsatz seiner Arbeitskräfte. Und zwar nicht deswegen, weil er ein guter Mensch ist, sondern weil er ohne Lösung dieses Problems den ihm (höchst-)möglichen Ertrag verfehlen würde (im übrigen vgl. oben S. 178 ff., Maximierer und Equilibristen).

Ein weiterer Sündenfall mit Gelegenheit zum absichtsvollen Missverstehen ist in den Augen Pirgmaiers Daly´s Bemerkung: „It is well known in economic theory that the price system, in pure competition, will attain an efficient allocation of resources in the sense of a Pareto-Optimum“[6]. Pirgmaiers autodafé hierüber lautet folgendermaßen: “Daly endorses the allocative understanding of efficiency in the steady-state framework“ (S. 56), und die Scheiter, die sie aufhäuft, heißen wie die Verfehlungen des Delinquenten: „heavily relying on neoclassical theory and reasonning“, „accepting allocative efficiency of markets“, „accepting a utility-based preference satisfaction account of wellbeing“, „stable and unquestioned preferences“, „neoclassical theory of the firm“, „general equilibrium theory“, „rational economic man“ u.s.w. u.s.w.[7].

Wir haben Daly´s steady-state economics nicht gegen Pirgmaier zu verteidigen; im Gegenteil, wir hoffen dessen theoretische und empirische Untauglichkeit, wie viele Andere vor uns, deutlich genug offengelegt zu haben. Dieser kleine Streit zeigt jedoch deutlich die Kategorien, in denen er stattfindet. Es sind nicht die Kategorien der Analyse sondern die der Überzeugungen und Weltanschauungen. Schon, wenn Daly schlicht die eine Seite des Wirtschaftlichkeitsprinzips leugnet, liegt intellektuelle Schlampigkeit vor (mal abgesehen davon wie dumm es von Okun ist, überhaupt einen Anwurf auf die Beachtung dieses Prinzips stützen zu wollen). Daß Pirgmaier in ihrer Replik auf die Wirksamkeit des Preises Daly´s deutlichen Bezug auf das Pareto-Gleichgewicht absichtsvoll übersieht, ist intellektuell ebenso erbärmlich.

Schon das Zerwürfnis zwischen Georgescu-Roegen und Daly begann mit einem Missgriff in die Kiste der Kategorien. Georgescu-Roegen benannte die seiner Ansicht nach wenig ambitiöse Beschränkung auf ein Null-Wachstum anstelle einer Schrumpfung des Wirtschaftssystems als „zynisch“ gegenüber den nachfolgenden Generationen. Ein Ausdruck, den wir eher aus dem Mund notorisch empörter Benachteiligter*innen und Entrechteter*innen erwartet hätten. Die Ökonomie hat mit der Aufgabe ihrer Erklärungsbemühungen in normativer Hinsicht sich die Möglichkeit erheblicher Erkenntnisgewinne verschafft und diese auch realisiert. Warum sollte das aufgegeben werden, gerade auch im Sinne der eine wirksame, weil begründete, Umweltpolitik erwartenden Menschheit?

[1] vgl. Herman E. Daly, Steady-State Economics: A New Paradigm. In: New Literary History Vol 24 (Nr. 4), Papers from the Commonwealth Center for Literary and Cultural Change, publlished by the Johns Hopkins University Press 1993, S. 811 – 816, hier S. 811-814.

[2] ebenda, S. 813.

[3] Daly, Herman E.: From a failed-growth economy to a steady-state economy. In: Solutions for a sustainable and desirable future, 2016, ohne Seitenangabe.

[4] Pirgmaier, Elke: The Neoclassical Trojan Horse of Steady-State Economics. In: Ecological Economics, No. 133 [2017] S. 25 – 61, hier S. 52..

[5] Okun, A.M.: Equality and Efficiency: The Big Tradeoff. Washington 1975, S. 2.

[6] Daly, Herman E.: Steady-state economics, Washington 1991

[7] Pirgmeier Elke, The Neoclassical Trojan Horse, a. a. O., 52,  S. 60